202103.25
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Fragen bezüglich der digitalen Zukunft (Erster Teil)

Mittlerweile ist die gesellschaftliche Entwicklung sowie deren Dynamik so komplex geworden, dass der Einzelne sich weder eine fundierte eigene Meinung dazu bilden noch eine realistische Folgenabschätzung vornehmen kann. Wohlwissend um diesen Sachverhalt postulieren versierte Experten trotzdem, dass letztendlich alle Menschen gemeinsam über die Richtung der digitalen Zukunft entscheiden müssen, und wie ein Leben damit konkret aussehen soll. Doch wer übernimmt die Verantwortung für die Bildung der öffentlichen Meinung und wie lässt sich der Diskurs gestalten? Schwierige Frage ..

Vor allem wenn Unternehmen und Wissenschaftler die Menschen mit Zukunftsvisionen darüber bombardieren, wie einfach und schön sich das Leben zukünftig unter Einsatz von Technologie gestalten lässt. Aber ebenso, wenn auch weniger oft, mit dystopischen Aussichten – etwa, wie massiv in die Privatsphäre eingegriffen werden wird und welche negativen Folgen daraus resultieren können. Eine Konsequenz daraus: Die breite Masse kann sich immer weniger eine Meinung bilden – auch, weil die Diskussion vielfach stark von Interessenvertretern beherrscht und teilweise seitens der Hersteller getrieben wird.

Hinzu kommt, dass nicht allen Menschen die gleichen Informationsquellen zugänglich sind: selbst wenn ein weitergehendes Bedürfnis daran besteht, sich bezüglich des technologischen Fortschritts eine Meinung zu bilden, so lässt sich dieses Vorhaben nur schwer realisieren. Denn es besteht ein trügerisches Gefühl von Neutralität, basierend auf dem ursprünglichen Grundverständnis, dass durch das Internet Jedem alle Informationen offenstehen. Doch allein unter dem Phänomen der Filterblase ist die Annahme von Objektivität eine Illusion.

Ist die Digitalisierung also ein Spielfeld, in dem nicht alle Spieler auf Augenhöhe agieren können? Um hier eine Antwort zu finden, ist es notwendig einige Sachverhalte einmal detaillierter auf den Prüfstand zu stellen.

Nachfolgend meine erste von drei Fragen:

  1. Wie wollen wir leben?

In Amsterdam steht „The Edge“. Es gilt als eines der nachhaltigsten Gebäude der Welt, weil alles vernetzt ist und sich daraus jede Menge Potential für eine intelligente Steuerung ergibt. Nicht nur, dass sich hier mehr Energie produzieren lässt als die Mitarbeiter verbrauchen – bis hin zur Bewässerung der Pflanzen ist alles smart. Auch im Alltag der Mitarbeiter: Ihnen wird zum Beispiel täglich der zum Zeitplan passende Arbeitsplatz zugewiesen, automatisch das Parkhaustor geöffnet und der Kaffee so zubereitet, wie sie ihn am liebsten trinken. Alles was ein Angestellter tut wird registriert – von der Temperatureinstellung im Büro bis hin zum Gang auf die Toilette. So weiß „The Edge“, dank Big Data, theoretisch genau über Jeden Bescheid, wenn er im Büro ist.

Aber Überwachung kann auch zentral, durch Institutionen gesteuert, stattfinden. Gutes Beispiel dafür sind Krankenkassen und Versicherungen, die ein Stück weit die Vorstellungen bereits umgesetzt haben, dass Versicherte mittels Fitnesstracker zu einem gesünderen Leben erzogen werden können. Doch die Ideen zur Optimierung des Lebens – und vielleicht auch der Delegierung von Verantwortung – sind vielfältig und scheinbar grenzenlos. So entwickeln beispielsweise Forscher – unter anderem in den USA oder auch in Deutschland – an Anwendungen, die zuverlässig herausfinden sollen, ob ein Mensch suizidgefährdet ist. Dies kann unter bestimmten Bedingungen sehr sinnvoll sein. Aber ließe es sich auch durchweg positiv bewerten, wenn deren Einsatz zukünftig flächendeckend sein müsste? Zum Beispiel indem die Nutzung dieser Applikation für jeden Arzt obligatorisch wäre, damit er – sobald der leiseste Verdacht besteht, sein Patient könnte hier prädisponiert sein – diese App „verschreibt“, um sich nicht der unterlassenen Hilfeleistung strafbar zu machen? Aber wie exakt kann das Ergebnis sein und wie vertrauenswürdig ließe sich diese Anwendung tatsächlich gestalten? Würde eine Meldung darüber unmittelbar mittels Fitnesstracker – bestenfalls nur – an die Krankenkasse oder eine entsprechende Hilfseinrichtung weitergeleitet? Oder vielleicht doch auch an ganz andere Institutionen und was könnte das dann für weitere Konsequenzen mit sich bringen?


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