202106.27
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Fragen bezüglich der digitalen Zukunft (Zweiter Teil)

Während die erste Frage „Wie wollen wir leben“ Menschen tatsächlich dazu auffordert sich mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen auseinanderzusetzen lassen die zweite und dritte Frage nur indirekt Raum die eigenen Ideen unmittelbar umzusetzen. Hier wird einmal mehr deutlich, warum sowohl die Komplexität als auch Dynamik der Digitalisierung den Einzelnen überfordern könnte, eine fundierte Meinung zu bilden. Doch trotzdem darf die Entscheidung über die digitale Zukunft nicht einigen Wenigen überlassen werden, sondern muss im öffentlichen Diskurs erfolgen.

Zweite Frage: Sind wir heute noch besser manipulierbar?

Dass der Mensch manipulierbar ist, hat keinen großen Neuigkeitswert. So postulierte auch Werner Kroeber-Riehl bereits 1992, dass „wir [..] sowieso alle emotional konditionierbare Konsumäffchen [sind]“. Trotzdem gilt es dieses Phänomen unter den Möglichkeiten in einer digitalisierten Welt neu zu betrachten. Denn was mittlerweile offensichtlich wird ist, dass das hohe Maß an Konformitätsverhalten durch Medien wie Facebook noch verstärkt wird – je mehr Likes eine Meinung, ein Kommentar oder Bild bekommt, desto schwieriger ist es, eine Ansicht gegen die beliebten Aussagen zu stellen.

Dies könnte sich auch auf die Technologie-Debatte auswirken und zur einseitigen Meinungsbildung durch bestimmte Unternehmen herangezogen werden, ohne dass ihnen durch irgendeine Instanz Einhalt geboten werden kann. Denn Konzerne wie Facebook entziehen sich laut dem österreichischen Bundeskanzler Christian Kern „der Kontrolle der Politik“. In seinem Grußwort zum European Newspaper Congress 2017, größten Journalismus-Kongress Europas, führte er weiter aus, dass dies „[..] die Freiheit [instrumentalisiert], [..] das Verhalten der Bürger [steuert] und [..] den Journalismus [de-legitimiert]. Die neue Newsroom-Logik folgt den sozialen Netzen; der kritische Journalismus, das „Immunsystem der Gesellschaft“, wird abgelöst durch die Quoten-Logik der Algorithmen, des verborgenen Gotts des Universums“.(1)

Dritte Frage: Wer ist vertrauenswürdig?

Im Prinzip gibt es zwei Instanzen, die überwiegend Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft tragen: der Staat und die (Technologie-)Unternehmen. Implizit damit einhergehen muss ein Vertrauen darauf, dass die Umsetzung mit den Vorstellungen und Bedürfnissen der Bevölkerung übereinstimmt. Sind dieser Optimismus und Vertrauensvorschuss berechtigt oder sind hier doch eher Zweifel angebracht? Allgemeine Bedenken äußert unter anderem die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer, Professorin an der Universität Hohenheim – sie geht davon aus, dass allein „das Bündel an Technologie die meisten Entscheider überfordert“.

Des Weiteren stellt sich die Frage, inwieweit ethische Überlegungen unter wirtschaftlichen Aspekten opportun sind. Ein Beispiel: Während der gleichen Konferenz, auf der Satya Nadella, Konzernchef von Microsoft „vor Zukunftsvisionen à la George Orwell“ warnt, werden viele Lösungen mit künstlicher Intelligenz präsentiert, die an „1984“ erinnern. So kann die KI von Microsoft beispielweise auch Bilder erkennen und deuten, wenn sie entsprechend trainiert wird. Einsatzszenarien hierfür gibt es allein in Unternehmen theoretisch genug – etwa in der Produktion. Da das System sowohl einzelne Personen identifizieren als auch Werkzeuge erkennen kann, ist es hier mittels Kameras möglich, die Mitarbeiter dahingehend komplett zu überwachen, ob sie die Arbeit richtig ausführen.

Auch den Staat stellen die Möglichkeiten der Technologie vor eine paradoxe Situation: einerseits ist die Aufgabe der Regierung die Freiheit der Bürger sicherzustellen – andererseits wird dafür zunehmend auf Maßnahmen zurückgegriffen, die die Freiheit beschneiden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die standardmäßige Aktivierung der Onlinefunktion in den Ausweisen wurde beschlossen, obwohl sich – wie auch auf www.spiegel.de (2) nachzulesen ist – zwei von drei Bürgern mit neuem Personalausweis explizit gegen die Freischaltung der Funktion entscheiden. Hinzu kommt, dass seit Mai 2017 deutsche Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern „zur Erfüllung ihrer Aufgaben“ künftig das biometrische Lichtbild im Ausweis automatisiert aus den Registern der Pass- und Personalausweisbehörden abrufen dürfen.

Wie wird das Leben in Zukunft aussehen, wenn Politiker vermehrt zu begeisterten Anhängern der Totalüberwachung mutieren? Einen Vorgeschmack darauf gab – während ihrer Amtszeit – die ehemalige Premierministerin Großbritanniens, Theresa May, die sich zur Totalüberwachung bekennt. So sagt sie offen, dass sie erfreut wäre „wenn der Human Rights Act (das britische Gesetz zur Europäischen Menschenrechtskonvention) abgeschafft würde, denn ich glaube, wir hatten einige Probleme damit“.

(1) https://kress.de/mail/news/detail/beitrag/137784-enc-rueckschau-enteignet-facebook-haetten-die-achtundsechziger-gefordert.html

(2) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/personalausweis-eid-funktion-soll-standard-werden-a-1125707.html

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